Seit Jahrhunderten gibt das Fortbestehen der Linkshändigkeit, von der etwa 10 % der Bevölkerung betroffen sind, den Wissenschaftlern Rätsel auf. Während die Evolution typischerweise Merkmale begünstigt, die das Überleben verbessern, bleibt Linkshändigkeit ein stabiles, wenn auch in der Minderheit liegendes Merkmal. Jüngste Untersuchungen legen nahe, dass dies kein Zufall ist, sondern in bestimmten Szenarien mit einem Wettbewerbsvorteil verbunden ist.

Eine Studie von Forschern der Universität Chieti-Pescara in Italien untersuchte, ob Linkshänder eine erhöhte Wettbewerbsfähigkeit aufweisen, insbesondere in Eins-zu-Eins-Interaktionen. Die Ergebnisse stützen das aus der Spieltheorie abgeleitete Konzept der evolutionär stabilen Strategie (ESS). ESS erklärt, dass eine Mehrheit der Rechtshänder am effizientesten für die Zusammenarbeit ist, während eine Minderheit der Linkshänder aufgrund der Unvorhersehbarkeit einen Wettbewerbsvorteil erlangt.

Wenn die Linkshändigkeit weit verbreitet wäre, würde dieser Vorteil verschwinden, wenn sich die Gegner anpassen. Aber bei niedriger Frequenz genießen Linkshänder einen subtilen Vorteil – denken Sie an das Überraschungselement in einem Kampf oder einer Sportart –, indem sie das evolutionäre Gleichgewicht aufrechterhalten. Die Studie untersuchte über 1.100 Teilnehmer und kam zu dem Ergebnis, dass Linkshänder einen größeren Drang zeigten, persönliche Ziele zu erreichen und Wettbewerbssituationen seltener zu meiden.

Interessanterweise ergab die Untersuchung keinen Zusammenhang zwischen Händigkeit und motorischen Fähigkeiten. Der Vorteil scheint eher psychologisch als physisch zu sein. Eine weitere Analyse von 48 Teilnehmern ergab, dass stark linkshändige Personen bei der „Hyperwettbewerbsfähigkeit“ bessere Ergebnisse erzielten, was auf einen starken Wunsch hindeutet, zu gewinnen, auch auf Kosten anderer.

Auch das Geschlecht spielt eine Rolle. Männer zeigen im Allgemeinen eine größere Hyperwettbewerbsfähigkeit, während Frauen aus Angst dazu neigen, Konkurrenz zu meiden. Dies deutet auf ein komplexes Zusammenspiel zwischen Biologie, Umwelt und Geschlecht hin, das weitere Untersuchungen erfordert.

Die Studie ergab keine signifikanten Unterschiede in den allgemeinen Persönlichkeitsmerkmalen zwischen Links- und Rechtshändern. Linkshändigkeit scheint in erster Linie die Wettbewerbsfähigkeit zu beeinflussen, nicht die allgemeine Persönlichkeit oder die psychische Gesundheit. Die Ergebnisse bestärken die Annahme, dass diese Eigenschaft möglicherweise absichtlich durch evolutionäre Kräfte erhalten bleibt, wobei eine konkurrierende Minderheit neben einer kooperativen Mehrheit gedeihen kann.