Die Siemens AG gilt als Gigant des deutschen Ingenieurswesens, ihre derzeitige Struktur ist jedoch relativ jung. Das heute bekannte Unternehmen entstand 1966 durch den Zusammenschluss dreier verschiedener Vorgänger: Siemens & Halske AG, Siemens-Schuckertwerke und Siemens-Reiniger-Werke AG. Das Konglomerat mit Hauptsitz in München ist mittlerweile in über 200 Ländern und Regionen tätig. Das Portfolio ist umfangreich und umfasst Stromerzeugung, Energiemanagement, Transport, Telekommunikation und Medizintechnik.
Trotz der jüngsten Unternehmensgründung reichen die Wurzeln des Unternehmens bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Das ursprüngliche Unternehmen, die Telegraphen-Bau-Anstalt von Siemens & Halske, wurde 1847 in Berlin gegründet. Werner von Siemens hatte sich zusammen mit seinem Cousin Johann Georg Siemens und seinem Partner Johann Georg Halske den Bau von Telegraphenanlagen zum Ziel gesetzt. Die Strategie war aggressiv. Das Unternehmen erweiterte rasch die Telegrafenlinien in ganz Deutschland. Bereits 1855 wurde eine Filiale in St. Petersburg eröffnet. 1858 folgte London unter der Leitung von Werners Bruder William Siemens.
Wachstum brachte innere Spannungen mit sich. Als das Unternehmen Massenproduktionstechniken einführte, zog sich Mitbegründer Halske 1867 zurück. Er war weniger an der aggressiven Expansion interessiert, die den Rest der Siemens-Dynastie prägte. Die Kontrolle ging auf die vier Siemens-Brüder und ihre Nachkommen über.
Die Produktpalette diversifizierte sich schnell. Das Unternehmen beschäftigte sich nicht nur mit Telegrafen, sondern auch mit Dynamos, Kabeln, Telefonen und elektrischer Beleuchtung. Dabei handelte es sich nicht um schrittweise Verbesserungen, sondern um grundlegende Technologien der späteren industriellen Revolution. Im Jahr 1890 wurde die Struktur in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Zu den Seniorpartnern gehörten Carl Siemens, Arnold Siemens und Wilhelm Siemens. 1897 wurde daraus eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die Siemens & Halske AG.
Es folgte eine Aufgabentrennung. Im Jahr 1903 gliederte Siemens & Halske seine energietechnischen Aktivitäten in ein neues Unternehmen aus, die Siemens-Schuckertwerke. Dieser Schritt übernahm die Nürnberger Firma Schuckert & Co. Ab 1919 standen beide großen Unternehmen in der Regel derselben Person vor, stets einem Mitglied der Siemens-Familie.
Als weiteres Standbein entstand die Medizintechnik. 1932 fusionierte Siemens mit der Erländer Firma Reiniger Gebbert & Schall zur Siemens-Reiniger-Werke AG. Der Schwerpunkt dieser Abteilung lag auf diagnostischen und therapeutischen Geräten, insbesondere Röntgengeräten und Elektronenmikroskopen.
Die Zeit zwischen 1933 und 1945 markierte ein dunkles und komplexes Kapitel. Unter dem Dritten Reich expandierte das Haus Siemens erheblich. Während des Zweiten Weltkriegs waren die Anlagen voll ausgelastet. In den Jahren 1943 und 1944 wurden Einrichtungen über das ganze Land verteilt, um alliierten Luftangriffen zu entgehen. Als der Krieg endete, wurden die menschlichen Kosten zu einer juristischen Abrechnung. Hermann von Siemens, der Leiter der Gruppe, war von 1946 bis 1948 interniert. Siemens-Beamte wurden wegen der Rekrutierung und Beschäftigung von Sklavenarbeitern aus gefangenen Ländern angeklagt. Sie waren auch am Bau und Betrieb des Vernichtungslagers Auschwitz und des Konzentrationslagers Buchenwald beteiligt.
Die körperliche Belastung war hoch. Etwa 90 Prozent der Anlagen und Ausrüstungen des Unternehmens in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands wurden enteignet. Westmächte entfernten und zerstörten weitere Einrichtungen. Die Entwicklung änderte sich erst, als der Kalte Krieg ein strategisches Interesse am wirtschaftlichen Wiederaufbau Westdeutschlands weckte.
Der Wiederaufbau begann in den 1950er Jahren von einem westdeutschen Stützpunkt aus. Das Unternehmen eroberte nach und nach seinen Anteil am europäischen und ausländischen Elektromarkt zurück. In den 1960er Jahren etablierte sich das Unternehmen wieder als eines der größten Elektrounternehmen der Welt.
Durch die Fusion zur Siemens AG im Jahr 1966 wurden diese unterschiedlichen Teile zusammengeführt. Das neue Unternehmen expandierte im späten 20. Jahrhundert weiter weltweit. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war die Produktpalette unglaublich breit. Dazu gehörten diagnostische Bildgebungssysteme, Mobiltelefone und Hörgeräte. Es umfasste auch Nahverkehrssysteme, Flugplatzradar und Stromerzeugungsanlagen. Das Unternehmen entwarf, baute und betrieb sogar Telekommunikationsnetze.
Heute zählt Siemens zu den größten Patentinhabern der Welt. Hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung treiben diesen Output voran. Die Fusion, aus der das moderne Unternehmen entstand, war nicht nur ein Verwaltungsakt. Es war eine Konsolidierung eines Jahrhunderts technologischer Entwicklung. Das Erbe umfasst sowohl bahnbrechende Innovationen als auch ernsthafte historische Verantwortung. Das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Realitäten definiert die aktuelle Identität des Unternehmens.






















