Der Hauptsitz im niederländischen Den Haag wirkt unscheinbar für ein Unternehmen, das seit über einem Jahrhundert die globale Energiebranche dominiert. Royal Dutch Shell PLC ist einer der größten börsennotierten Erdölkonzerne der Welt. Es ist in mehr als 90 Ländern tätig. Der Umfang ist enorm: Rohölexploration, -produktion, -raffinierung und -vermarktung. Auch chemische Rohstoffe für verschiedene Industrien gehören zum Portfolio. Der Name geht auf eine komplexe Geschichte konkurrierender Firmen zurück, die schließlich erkannten, dass Kämpfe weniger profitabel waren als Kooperationen.
Die Rivalen, die Partner wurden
Um Shell zu verstehen, muss man bis ins späte 19. Jahrhundert zurückgehen. Aus verschiedenen Teilen Europas entstanden zwei getrennte Einheiten. In London übernahm Marcus Samuel das Import-Export-Geschäft seines Vaters. Sein Vater handelte mit orientalischen Muscheln. Das gab dem Unternehmen seinen Namen. Samuel begann 1878 mit der Abwicklung von Kerosinlieferungen. Er expandierte schnell. 1892 betrieb er Tankschiffe im Fernen Osten. Er richtete Öldepots ein. In Borneo sicherte er bis 1896 Ölquellen und Raffinerien.
Er gründete 1897 die „Shell“ Transport and Trading Company, Limited. Die Expansion ging weiter. In Sumatra wurden Erdölverträge unterzeichnet. Texas. Russland. Rumänien. Samuel wurde 1898 zum Ritter geschlagen. 1925 wurde er Viscount Bearsted. Die britische Seite der Gleichung war aggressiv.
Unterdessen hatte auf der anderen Seite des Ärmelkanals in den Niederlanden eine Gruppe von Bankiers und ehemaligen Kolonialverwaltern andere Ambitionen. Im Jahr 1890 gründeten sie die Koninklijke Nederlandse Maatschappij tot Exploitatie van Petroleumbronnen. Die Übersetzung ist ein Leckerbissen. Es bedeutet in etwa „Königliche Niederländische Gesellschaft zur Ausbeutung von Ölquellen in Niederländisch-Indien“. Sie entwickelten 1892 ihre erste Pipeline und Raffinerie auf Sumatra. Sie erschlossen lokale Ölfelder. Unter Hendrik W.A. Deterding, der die Initiative nach 1896 leitete, bauten sie Tankschiffe und Lagereinrichtungen. Sie gründeten eine Vertriebsorganisation. Die niederländische Seite konzentrierte sich auf Förderung und Infrastruktur.
Die Fusion von 2007, die alles veränderte
Die beiden Eltern waren Rivalen. Doch schon 1903 erkannten sie die Logik der Integration. Sie bündelten ihre Vertriebs- und Verkaufsaktivitäten für den Fernost-Vertrieb und die Ostindien-Produktion. Es war ein vorsichtiger Schritt. Die vollständige Fusion erfolgte 1907. Dadurch entstand die Royal Dutch/Shell Group. Es handelte sich um eine Unternehmenseinheit, die von zwei Muttergesellschaften geleitet wurde: der Royal Dutch Petroleum Company Ltd. aus Den Haag und der Shell Transport and Trading Company, PLC aus London.
Unter diesen beiden Giganten befanden sich weltweit tätige Tochterunternehmen. Die wichtigste amerikanische Tochtergesellschaft, Shell Oil Company (SOC), wurde 1922 gegründet und ist bis heute die größte Tochtergesellschaft. Deterding fungierte als Generalgeschäftsführer der Gruppe. Bis 1913 hatte das zusammengeschlossene Unternehmen eine herausragende Stellung unter den Ölunternehmen der Welt erlangt. Sie erwarben Produktionsunternehmen in Rumänien. Russland. Irak. Ägypten. Venezuela. Mexiko. Kalifornien. Oklahoma. Die Vertriebsaktivitäten wurden auf Europa, Asien, Australien, Afrika und Amerika ausgeweitet.
Der Skandal von 2004 und die Strukturreform
Den Rest des 20. Jahrhunderts verbrachte die Gruppe damit, nach neuen Reserven zu suchen. Sie suchten überall. Der Nahe Osten. Afrika. Die Nordsee. Nordamerika. Sie bohrten im Golf von Mexiko. Sie förderten Ölsande in Alberta, Kanada. Das Wachstum schien bis 2004 unaufhaltsam.
In diesem Jahr gab Royal Dutch/Shell bekannt, dass es seine nachgewiesenen Öl- und Gasreserven deutlich überschätzt hatte. Die Revision war brutal. Im folgenden Jahr veröffentlichte Schätzungen senkten die Reserveschätzungen des Unternehmens um bis zu 40 Prozent. Die niedrigeren Zahlen verringerten den Wert der Aktien des Unternehmens. Die Aktionäre waren unzufrieden. Sie forderten eine offenere und reaktionsfähigere Unternehmensstruktur.
Das Modell mit doppelter Börsennotierung und doppelter Muttergesellschaft von 1907 schien veraltet zu sein. Im Jahr 2005 wurde die hundertjährige Royal Dutch/Shell-Gruppe durch ein einziges Unternehmen ersetzt. Diese Umstrukturierung erfolgte unmittelbar. Das neue Unternehmen kündigte ein ehrgeiziges Investitionsprogramm in Exploration und Produktion an. Ziel war es, die auf dem Papier aufgeblähten Öl- und Gasreserven wieder aufzubauen.
Konsolidierung der Macht in LNG
Die Einzelunternehmensstruktur ermöglichte schnellere und klarere strategische Schritte. Einer der größten kam später. Im Jahr 2015 stimmte Royal Dutch Shell dem Kauf der BG Group zu. BG war ein bedeutender Hersteller von Flüssigerdgas (LNG). Bei der Übernahme ging es nicht nur um die Größe. Es ging darum, Shells Position als einer der Marktführer in der aufstrebenden LNG-Industrie zu festigen. Die Geschichte von Shell ist eine Geschichte der Anpassung. Es begann mit zwei rivalisierenden Königen des Ölhandels. Es endete damit, dass ein vereinter globaler Riese sich den Komplexitäten moderner Energiemärkte stellte. Die Reserven sind noch da. Die Konkurrenz ist ebenso groß.






















